Selbstwirksamkeit stärken – als Einzelner oder Gruppe in einem inkohärenten System
- Heiko Kochem

- 17. Mai
- 4 Min. Lesezeit

Viele Menschen erleben ihren beruflichen Alltag heute in Systemen, die nicht mehr wirklich stimmig wirken.
Ziele verändern sich schneller, als sie verstanden werden können. Entscheidungen werden getroffen, aber nicht immer nachvollziehbar erklärt. Führungskräfte sollen Orientierung geben, obwohl sie selbst nicht alle Antworten haben. Teams sollen leistungsfähig bleiben, obwohl Rollen, Prioritäten und Ressourcen nicht ausreichend zusammenpassen.
In solchen Situationen entsteht schnell ein Gefühl von Ohnmacht. Nicht unbedingt, weil Menschen nicht belastbar sind. Sondern weil sie in einem Umfeld handeln müssen, in dem innere und äußere Ordnung verloren gehen. Genau hier wird Selbstwirksamkeit zu einem zentralen Thema.
Was bedeutet ein inkohärentes System?
Ein System wirkt inkohärent, wenn seine einzelnen Bestandteile nicht mehr gut zusammenpassen. Zum Beispiel, wenn offiziell Zusammenarbeit gefordert wird, aber Zielsysteme Konkurrenz fördern. Wenn Veränderung eingefordert wird, aber keine Zeit für Reflexion bleibt. Wenn Verantwortung übertragen wird, aber Entscheidungsspielräume fehlen. Oder wenn Führung Orientierung geben soll, obwohl strategische Klarheit fehlt.
Für Menschen in Organisationen ist das herausfordernd. Denn sie spüren die Widersprüche häufig sehr deutlich, können sie aber nicht immer benennen. Das führt zu innerer Spannung, Frustration oder Rückzug.
Typische Aussagen in solchen Situationen sind:
„Ich weiß gar nicht mehr, was hier eigentlich gilt.“
„Ich soll Verantwortung übernehmen, darf aber nicht entscheiden.“
„Wir reden ständig über Veränderung, aber die Muster bleiben gleich.“
„Ich funktioniere nur noch.“
„Als Team arbeiten wir viel, aber nicht wirklich gemeinsam.“
Solche Aussagen sind wichtige Hinweise. Sie zeigen, dass nicht nur eine einzelne Person ein Problem hat, sondern dass Person, Rolle, Team und Organisation miteinander in Wechselwirkung stehen.
Selbstwirksamkeit ist mehr als positives Denken
Selbstwirksamkeit bedeutet, sich nicht nur als Betroffener der Umstände zu erleben, sondern als jemand, der innerhalb der gegebenen Möglichkeiten handlungsfähig bleibt.
Das ist kein naives „Du kannst alles schaffen“. Im Gegenteil: Gerade in komplexen oder widersprüchlichen Systemen beginnt Selbstwirksamkeit mit einer ehrlichen Unterscheidung:
Was kann ich beeinflussen?
Was kann ich nicht beeinflussen?
Wo trage ich Verantwortung?
Wo übernehme ich Verantwortung, die gar nicht bei mir liegt?
Wo bin ich handlungsfähiger, als es sich im ersten Moment anfühlt?
Und wo brauche ich Unterstützung, Klärung oder eine klare Grenze?
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Denn viele Menschen verlieren in belastenden Systemen nicht ihre Kompetenz, sondern den Zugang zu ihr. Sie reagieren nur noch. Sie passen sich an. Sie kämpfen gegen Strukturen. Oder sie ziehen sich innerlich zurück.
Warum Verhalten im Kontext verstanden werden muss
Aus systemischer Sicht ergibt Verhalten immer Sinn, wenn man den Kontext versteht. Rückzug, Ärger, Überanpassung, Kontrolle oder Konfliktvermeidung sind nicht einfach Schwächen. Häufig sind sie bisherige Lösungsversuche.
Jemand, der Konflikte vermeidet, schützt vielleicht Zugehörigkeit oder Harmonie. Jemand, der stark kontrolliert, versucht vielleicht Sicherheit herzustellen. Jemand, der sich zurückzieht, schützt sich möglicherweise vor permanenter Überforderung. Jemand, der zynisch wird, versucht vielleicht, Enttäuschung auf Abstand zu halten.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Was stimmt mit dieser Person nicht?“
Hilfreicher sind Fragen wie:
Was versucht dieses Verhalten zu schützen?
Welche Ressource ist aktuell blockiert?
Welche Bedingungen würden Handlungsfähigkeit wieder ermöglichen?
Welche kleine Veränderung könnte bereits einen Unterschied machen?
Genau hier setzt Coaching an.
Selbstwirksamkeit im Einzelcoaching
Im Einzelcoaching geht es häufig darum, wieder Ordnung in eine unübersichtliche Situation zu bringen. Der erste Schritt ist dabei nicht sofort die Lösung, sondern das Verstehen der eigenen Situation.
Welche Rolle habe ich?
Welche Erwartungen werden an mich gestellt?
Welche Erwartungen stelle ich an mich selbst?
Welche Konflikte vermeide ich?
Welche Entscheidungen stehen eigentlich an?
Welche Grenzen müsste ich klarer ziehen?
Coaching bietet dafür einen geschützten Reflexionsraum. Es geht nicht darum, schnelle Ratschläge zu geben. Vielmehr geht es darum, Perspektiven zu erweitern, Ressourcen wieder zugänglich zu machen und konkrete nächste Schritte zu entwickeln.
Selbstwirksamkeit entsteht dabei oft nicht durch große Veränderungen, sondern durch kleine, klare Handlungen:
ein Gespräch führen, das bisher vermieden wurde;
eine Grenze formulieren;
eine Entscheidung vorbereiten;
eine Rolle klären;
einen nächsten Schritt definieren;
eine eigene Haltung bewusster einnehmen.
Selbstwirksamkeit von Führungskräften
Für Führungskräfte ist das Thema besonders anspruchsvoll. Sie stehen oft zwischen strategischen Vorgaben, operativem Druck, Mitarbeitendenerwartungen und eigenen Ansprüchen.
Gerade in inkohärenten Systemen entsteht dann eine schwierige Spannung: Führungskräfte sollen Orientierung geben, obwohl sie selbst nicht immer vollständige Klarheit haben. Hier hilft keine künstliche Sicherheit. Mitarbeitende merken meist sehr genau, ob etwas stimmig ist oder nicht. Wirksamer ist eine ehrliche, klare und verantwortliche Kommunikation:
Was wissen wir?
Was wissen wir noch nicht?
Was ist entschieden?
Was ist noch offen?
Was können wir als Team beeinflussen?
Was müssen wir vorerst aushalten?
Was ist der nächste sinnvolle Schritt?
Führung bedeutet in solchen Situationen nicht, alle Antworten zu haben. Führung bedeutet, trotz Unsicherheit einen tragfähigen Rahmen zu schaffen.
Selbstwirksamkeit in Teams und Gruppen
Selbstwirksamkeit ist nicht nur ein individuelles Thema. Auch Gruppen und Teams können sich wirksam oder ohnmächtig erleben. Ein Team verliert Selbstwirksamkeit, wenn es dauerhaft erlebt, dass Absprachen nicht gelten, Entscheidungen nicht umgesetzt werden, Konflikte unausgesprochen bleiben oder Verantwortung unklar verteilt ist.
Umgekehrt entsteht kollektive Selbstwirksamkeit, wenn ein Team erlebt:
Wir können Themen offen ansprechen.
Wir können Unterschiede klären.
Wir können Entscheidungen vorbereiten.
Wir können Vereinbarungen treffen.
Wir können aus Erfahrungen lernen.
Wir können miteinander handlungsfähig bleiben.
Dafür braucht es Räume, in denen nicht nur über Aufgaben gesprochen wird, sondern auch über Zusammenarbeit, Rollen, Erwartungen und Muster.

Coaching und Beratung als Raum für neue Erfahrungen
Veränderung entsteht nicht allein durch Einsicht. Viele Menschen wissen längst, was sie anders machen müssten. Trotzdem bleiben sie in alten Mustern.
Der Grund: Neue Handlungsweisen müssen nicht nur verstanden, sondern erlebt und erprobt werden.
Coaching kann genau dafür einen Raum schaffen. Einen Raum, in dem Menschen ihre Situation sortieren, eigene Ressourcen wieder aktivieren und neue Handlungsoptionen ausprobieren können. Im Business Coaching, im Führungskräftecoaching oder in der Begleitung von Teams geht es daher nicht um abstrakte Selbstoptimierung, sondern um konkrete Handlungsfähigkeit im jeweiligen Kontext.
Fazit: Der nächste klare Schritt zählt
Ein inkohärentes System macht Menschen auf Dauer müde und krank. Es bindet Energie, erzeugt Unsicherheit und schwächt das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit.
Doch Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, das gesamte System allein verändern zu müssen. Sie beginnt dort, wo Menschen wieder unterscheiden können:
Was ist meine Verantwortung?
Was ist nicht meine Verantwortung?
Was kann ich beeinflussen?
Was ist der nächste klare, verantwortbare Schritt?
Manchmal beginnt Veränderung genau dort: nicht mit der großen Lösung, sondern mit einem Moment neuer Klarheit.
Meine Angebot für Sie finden Sie hier, oder kontaktieren Sie mich über das Kontaktformular.
Wir bringen Menschen und Organisationen in Bewegung – mit Klarheit, Struktur und Empathie.
Autor: Heiko Kochem (05/2026), www.wegweiser-beratung-coaching.de



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